
Orgelmusik anders erleben
Seit 2012 bin ich Kirchenmusiker der drei Kirchengemeinden Drennhausen, Marschacht und Tespe in der Elbmarsch südöstlich von Hamburg. Auch zuvor war ich für viele Jahre Organist der Kirchengemeinden St. Michael Brakel und St. Georg Riesel. 1998 legte ich nach einer mehrjährigen Ausbildung das Kirchenmusikexamen ab. Orgelmusik prägt mein Leben, sowohl im Privaten als auch beruflich.

Orgelmusik ist meine Leidenschaft
Seit meiner Kindheit bin ich von der Orgel und ihrer faszinierenden Klangvielfalt begeistert. Kaum ein anderes Instrument bietet so viele Möglichkeiten, Stimmungen zu erzeugen, Geschichten zu erzählen und Menschen musikalisch zu berühren. Diese Leidenschaft begleitet mich bis heute und ist der Antrieb für meine Konzerttätigkeit. Mit Hingabe und Freude gestalte ich meine Konzerte, entdecke immer wieder neue Klangwelten und teile meine Begeisterung für die Orgelmusik auch auf meinem YouTube-Kanal.
Kirchenmusik und Orgelspiel in der Elbmarsch
Ein Gespräch mit Markus Kleibrink
Gemeindebrief:
Lieber Markus Kleibrink, vor zwei Jahren wurden Sie für Ihr zehnjähriges Jubiläum als Kantor und Organist in den Kirchengemeinden der Elbmarsch geehrt. In diesen letzten zwölf Jahren haben Sie die Menschen in Drennhausen, Marschacht und Tespe in Konzerten und Gottesdiensten durch Ihr Orgelspiel erfreut, beglückt und zum Mitsingen herausgefordert.
Was motiviert Sie Woche für Woche, aus Winsen, wo Sie mit Ihrer Familie und vielen Tieren leben, zu uns zu kommen und unser Gemeindeleben durch Ihre Musik zu bereichern?
Markus Kleibrink:
Meine Verbindung in die Elbmarsch ging von meinem Kontakt zu dem langjährigen Organisten der Gemeinde aus, mit dessen Tochter ich über meine Frau verschwägert bin. Wir trafen uns regelmäßig auf Familienfeiern und kamen dabei selbstverständlich auf das Thema Orgelspiel zu sprechen. So bekam ich schon vor etwa vierzehn Jahren, nachdem meine Frau und ich nach Winsen gezogen waren, öfter die Gelegenheit, bei Beerdigungen, Trauungen und auch gelegentlich bei den Sonntagsgottesdiensten in Marschacht, Drennhausen und Tespe vertreten zu dürfen. Auf diese Weise lernte ich schnell die Menschen in der Elbmarsch kennen. Schnell entstand ein positiver und freundschaftlicher Kontakt, so dass ich immer wieder gerne zusagte, wenn wieder eine Vertretung zum Orgelspielen angefragt wurde.
Das Orgelspiel ist nicht nur ein (Neben)Beruf, sondern auch eine Leidenschaft für mich. Und es fiel mir deshalb vor nun etwa zwölf Jahren gar nicht schwer, mich auf eine feste Beschäftigung als Organist der Elbmarsch-Gemeinden einzulassen. Was natürlich auch mit einigen Verpflichtungen verbunden ist und Einschränkungen in unserem Familienleben am Wochenende mit sich brachte. Unser erstes Kind war damals gerade ein halbes Jahr alt und ich war ja auch noch nach Ende meiner Elternzeit wieder als Lehrer an meiner Schule tätig, wenn auch in Teilzeit.
Das wöchentliche Orgelspiel in den Gottesdiensten, das Mitgestalten, die musikalische Begleitung der Gesänge sind für mich eine Bereicherung, Herausforderung und Motivation. Gerade dann, wenn es dazu beiträgt, den BesucherInnen des Gottesdienstes eine gute, besinnliche, angenehme Zeit im Gebet, in der Meditation und mit Freude zu bereiten.
Gemeindebrief:
Erzählen Sie uns etwas über Ihr Leben. Wie kamen Sie zur Musik und wurden Organist? Sie sind von Aachen in NRW nach Winsen gezogen und haben Ihre Tätigkeit als Lehrer an Schulen in den Landkreisen Lüneburg und Harburg mit der Möglichkeit verbunden, in der Elbmarsch Orgel zu spielen?
Markus Kleibrink:
Ja, es war mir damals, als wir herzogen, wichtig, dass ich wieder Orgel spielen kann, was ich jahrelang in meiner Aachener Zeit nicht getan hatte. Das Spielen der Orgel hat mir schon immer – auch schon als Jugendlicher – große Freude bereitet. Über verschiedene Instrumente bin ich damals nach und nach zur Orgel gekommen. Als Jugendlicher und junger Erwachsener hatte ich in meiner Heimatgemeinde in Ostwestfalen mehrere Jahre viele Gottesdienste musikalisch begleitet, hatte damit mein Studium finanziert und schließlich 1998 neben meinem Staatsexamen eine zweijährige Kirchenmusik-Ausbildung abgeschlossen. In der anschließenden Zeit als junger Lehrer im Aachener Raum ergab sich leider keine Gelegenheit zum Orgelspielen in einer Gemeinde. Nach unserem Umzug hatte ich als Lehrer hier im Norden nun meine Arbeitszeit reduziert und suchte nach einer Organistenstelle, bei der ich den Lehrerjob mit dem Orgelspiel am Wochenende verbinden konnte. Ich war froh, dass sich in der Elbmarsch diese Möglichkeit ergab. Musik an der Schule unterrichte ich allerdings nicht (oder nur selten); ich trenne meine Tätigkeit als Geschichts- und Chemielehrer von meiner großen Leidenschaft der Orgelmusik sehr klar.
Gemeindebrief:
Neben der Kirchenmusik und überhaupt ernster / geistlicher Musik spielen Sie auch Popmusik und intonieren Kinderlieder. Was reizt Sie an einem so breiten Repertoire?
Markus Kleibrink:
Ich bin der Ansicht, dass Kirchenmusik sich nicht nur auf das Ernste, traditionell Klassische beschränken sollte. Musik hat in der Kirche auch eine Funktion der Unterhaltung, die die Menschen in die Lage versetzen kann, sich auf den Gottesdienst einzulassen, eine bestimmte Stimmung aufzunehmen, ruhig und meditativ zu werden, sich zu besinnen, ins Gebet zu kommen oder sich auch in Feierlaune zu bringen. Je nach Motivation der einzelnen Menschen und dem Anlass des Zusammenkommens. Musik ist nämlich in besonderer Weise dazu in der Lage, den Gemütszustand des Menschen zu beeinflussen und zu unterstützen. Genau diese Funktion hat auch die Musik in der Kirche. Das ist zugegeben eine sehr schwere Aufgabe und Herausforderung, da jeder Mensch ganz individuell - so wie er/sie sich gerade fühlt - in den Gottesdienst kommt.
Die passende Musik zu finden, die genau die richtige individuelle Stimmung des Menschen trifft, ist sehr schwer, wenn nicht sogar nahezu unmöglich. Aber die Musik dient den Menschen und muss deshalb auch ein breites Feld anbieten. Auch in der Kirche müssen deshalb klassische Musikstile, aber auch populäre Musik, ernste Stücke genauso wie leichte und eingängige ihren Platz haben.
Kinderlieder spiele ich gelegentlich bei Tauffeiern oder im Kindergottesdienst. Das Pippi-Langstrumpf-Lied, das man auf meinem YouTube-Kanal finden kann, hatte ich vertont und auf der Orgel eingespielt; es wird seitdem immer mal wieder gewünscht.
Ich denke immer wieder darüber nach, wie es möglich sein kann, dass sich Menschen, die gerne die zutiefst religiöse und komplexe Musik Bachs hören und diejenigen, die sich besonders mit Pop- oder Rockmusik wohlfühlen, im Gottesdienst gut zusammenfinden. Diesen Anforderungen muss sich Kirchenmusik heute stellen und auch die Orgelmusik sollte dabei nicht außen vor bleiben.
Gemeindebrief:
Wie ist Ihr Eindruck von der Qualität und der Spielbarkeit der Orgeln in unseren Kirchen?
Markus Kleibrink:
Wir haben in den drei Kirchen der Elbmarschgemeinden drei sehr unterschiedliche Instrumente, die in ihrem Charakter und ihren Möglichkeiten sehr weit auseinanderliegen.
Die einzige Pfeifen-Orgel der Gemeinde ist die Eduard-Meyer-Orgel der Kirche in Drennhausen. Sie ist bald 170 Jahre alt und allein deshalb schon historisch wertvoll. Zudem ist sie weitgehend original erhalten und etwas ganz Besonderes: Der Spieltisch mit seinen Klaviaturen ist extrem eng und schmal angelegt, sodass sich viele MusikerInnen regelrecht auf die Orgelbank hocken müssen. Herausragend ist ihr Klangbild: warm, voll, grundstimmig, aber auch mit kräftigen Stimmen ausgestattet, so sollte es damals zur Zeit der Frühromantik sein.
Die Meyer-Orgel ist ein musikalischer und historischer Schatz, den sollten wir wertschätzen und pflegen. Aber ich glaube, es ist schwieriger geworden für heutige Organistinnen und Organisten solche Instrumente, die sich seit so langer Zeit kaum verändert haben, zu spielen. Man muss sich schon speziell darauf einstellen. Die Tastaturen und die Traktur - also die mechanische Verbindung zu den Pfeifenventilen - klappern sehr, die Tasten sind ausgeschlagen und die Pedaltastatur ist sehr schmal und kurz. Ein Wunsch von mir ist, dass sich einmal die Möglichkeit ergibt, den Spieltisch renovieren und an moderne Anforderungen anpassen zu lassen.
Die Orgel in der Marschachter Petri-Kirche ist ein elektronisches Instrument, das mittlerweile schon 30 Jahre alt ist. Ihre Lautstärke kann, je nach Bedarf und der Anzahl der KirchenbesucherInnen über Lautsprecherregler angepasst werden.
Die Tesper Orgel haben wir vor einem Jahr mit einer digitalen Besonderheit ausgerüstet. Die Orgel ist an sich elektronisch, allerdings ist sie nun mit einem Computer verbunden, über den verschiedene digitale, also virtuelle Orgeln gespielt werden können. Diese sogenannten Orgel-Sample-Sets sind mit digitaler Technik aufwändig aufgenommene Orgeln, die den Klang exakt so wiedergeben, wie er in den jeweiligen Kirchen tatsächlich existiert. So ist es zum Beispiel möglich, den Klang der historischen Arp-Schnitger-Orgel in St.Jacobi Hamburg von 1689 bei uns in der Tesper Kirche abbilden und spielen zu können. In Tespe habe ich im letzten Jahr schon drei Konzerte gespielt. Es wird noch eines im Oktober folgen. Zum Abschluss des Jahres dann mit herbstlichen Themen. Es macht mir sehr viel Freude, auf der Orgel in Tespe meine Musik zu präsentieren. Die musikalische Bandbreite, die sich durch das Sampling-System ergibt, reizt mich einfach.
Mein Eindruck von der Spielbarkeit der Orgeln ist recht unterschiedlich. Ich spiele gern in Marschacht, weil die Orgel dort ein schönes Spektrum an Klängen besitzt und mit ihrer Anlage, also dem Spieltisch, den Manualen und Pedal gut zu bedienen ist. Die Ausstattung ist so ähnlich wie die der Orgel in Tespe, wo wir nun noch mit der digitalen Unterstützung weitreichende Möglichkeiten haben.
Gemeindebrief:
Mit Ihrem YouTube-Kanal (www.youtube.com/@Markus.K) präsentieren Sie einen breiten Teil Ihrer künstlerischen Arbeiten, der über die Kirchenmusik hinausreicht. Wie ist die Resonanz der Abonnenten (Follower)?
Markus Kleibrink:
Entstanden ist die Idee in der Lockdown-Zeit während der Corona-Pandemie 2020. Ich wollte mit meinen Musik-Präsentationen auf YouTube den Menschen der Gemeinde, aber auch meiner Familie und meinen Freunden ein Angebot machen, weiterhin Orgelmusik aus den Kirchen und von den Orgeln der Elbmarsch hören zu können. So ist anfangs besonders die klanglich bedeutende Orgel der Drennhäuser Kirche für die Aufnahmen in das Zentrum geraten. Der Kanal hat sich schließlich weiterentwickelt und ich habe regelmäßig Musik, die ich auf meiner Orgel zuhause aufgenommen habe, hochgeladen. So konnte ich mit einer Gruppe internationaler KirchenmusikerInnen in den Austausch kommen und über die gegenseitig präsentierten Stücke fachsimpeln. Das ist sehr inspirierend und macht mir viel Freude.
Gemeindebrief:
Kommen wir zurück zum Thema „Bedeutung von Musik im Gottesdienst“. Wenn man Ihre künstlerische Kreativität zugrunde legt, wie gehen Sie dann mit der liturgisch strengen Gestaltung der Gottesdienste um? Brauchen wir da nicht mehr Freiräume, mehr Beteiligung, weniger Ritus?
Markus Kleibrink:
Ja und nein. Es gibt so viele unterschiedliche Gottesdienstformen und Anlässe, sich in der Gemeinde zu treffen, zu beten und zu singen, so dass es an Gestaltungsmöglichkeiten m.E. nicht mangelt. Außerdem ist die liturgische Struktur weitgehend von allen Beteiligten und Verantwortlichen abhängig. Damit sind die Gestaltungsmöglichkeiten ziemlich vielfältig.
Ich denke, es geht darum, die Menschen abzuholen, sich also die Frage zu stellen: Was erwarten die Menschen in diesem Gottesdienst? Wie kommt jeder Einzelne, jede Einzelne in den Gottesdienst? Die Erwartungen sind selbstverständlich so verschieden, wie die Menschen mit ihren persönlichen Emotionen und Stimmungen selbst. Dementsprechend sollte das Angebot ebenso vielfältig sein und jeden Menschen ansprechen können. Es gibt sicher viele Menschen, die mit einem Gottesdienst einverstanden sind, wenn er nach alter Tradition strukturiert ist, wenn die Liturgie gesungen wird, wenn das Abendmahl nach traditionellem Brauch stattfindet, wenn gemeinsam Psalmen gebetet oder alte Lieder gesungen werden. Das verbindet Menschen - auch über die Zeit hinweg. Ich bin sicher, es gibt viele Menschen, die genau das schätzen. Und ich glaube, es gibt sicherlich viele Menschen, die gern einen etwas anders strukturierten Gottesdienst wünschen und zum Beispiel auch einen populären Musikstil bevorzugen. Beides ist meines Erachtens verständlich und berechtigt und wird bei uns auch angeboten.
Als Organist ist es mir wichtig, einen musikalischen Rahmen zu schaffen, der dem Anlass, der Intention und Stimmung des Gottesdienstes entspricht. Dafür möchte ich mich engagieren, meine musikalischen Ideen einbringen und mitgestalten.
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Gemeindebrief:
In unserem Gesprächsthema heute geht es um das „Singen und Jubeln aus vollem Herzen“. Geschieht das aus Ihrer Sicht hinreichend? Bekommen Sie gelegentlich auch Rückmeldung zur Musik im Gottesdienst? Was können wir verbessern?
Markus Kleibrink:
Ja, gelegentlich gibt es Rückmeldungen. Und das finde ich gut, Feedback motiviert und inspiriert mich. Manche Menschen machen sich zum Beispiel Gedanken zu alternativen Liedern. Auch gibt es Nachfragen und freundliche Kommentare zu den Orgelstücken, was mich selbstverständlich sehr freut. Auch Kritik ist häufig hilfreich, da sie zum Nachdenken anregt und sich neue Perspektiven eröffnen. Meistens versuche ich, Änderungswünsche oder Anregungen, wenn möglich, zu berücksichtigen und bald umzusetzen.
Wenn mir gesagt wird, „das Orgelspiel war heute sehr schön“, freue ich mich natürlich.
Gemeindebrief:
Lieber Herr Kleibrink, ganz herzlichen Dank für das schöne Gespräch und dafür, dass wir Sie ein wenig kennen lernen durften. Für Ihre musikalische Unterstützung und Bereicherung unseres Gemeindelebens möchte ich mich noch einmal ausdrücklich bedanken.
Das Gespräch führte für den Gemeindebrief der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Elbmarsch Peter-Michael Schmidt im September 2025.
